Wir schreiben das Jahr 1620, es ist kurz vor Mitternacht.
Ich stehe vor der schweren, grossen Holztüre unseres Klosters, die sich fast geräuschlos zur Via Generale öffnet. Ich trage einen der weissen wellenartigen Hüte, die mich sofort als Nonne des Ordens ‘die gnädige Jungfrau Maria’ zu erkennen geben. Im Sommer schützt der Hut vor der sengenden Sonne, dafür bin ich dankbar. Speziell, wenn ich im grossen Garten innerhalb der Klostermauern das Gemüse hege und pflege.
Jetzt jedoch schützt der Hut mich vor möglichen neugierigen Blicken des einen oder anderen von Insomnia Getriebenen. Ich laufe rasch der Via Dolores entlang. Meine Schritte hallen von den Wänden wider. Bei der Nummer 8 klopfe ich leise 3 mal an die Türe. Wie vereinbart werde ich bereits erwartet. Die grosse etwas kühle Eingangshalle empfängt mich. Das herrschaftliche Haus ist still, es ist, als ob es den Atem anhält – in Erwartung dessen, was nun unvermeidlich geschieht.
Der Herr des Hauses erscheint oben an der imposanten grossen Marmortreppe. Mit schweren Schritten steigt er Stufe um Stufe hinab. Wortlos übergibt er mir ein Stoffbündel. Ich blicke hinab und sehe ein kleines Mädchen, nur einige Tage alt, es schläft.
Mein Herz öffnet sich. Ich spüre diese Reinheit, diese Unschuld in meinen Armen. Ein Lebewesen, das in diese Welt geboren wurde und noch nicht weiss, welchen Gefahren es auf seinem sicherlich nicht einfachen Lebensweg ausgesetzt sein wird. Die feinen Linien und Gesichtszüge verraten es bereits.
Ich schaue dem Signore in die Augen und sehe eine unbeschreibliche Schwermut. Ja, es hätte Mut gebraucht, sich anders zu entscheiden. Anders als es in dieser Zeit üblich ist. Innerlich verstehe ich, ich verzeihe ihm. Und ich weiss, dass unser Kloster in den nächsten Tagen eine beträchtliche Summe als Spende erhalten wird.
Er jedoch weiss nicht, dass dieses Mädchen uns in den nächsten Jahren mit seinem glockenhellen Gesang beglücken wird. Seine blauen funkelnden Augen werden uns Ordensschwestern schelmisch anblicken, vor allem wenn es wieder irgendwo in den Gemächern eine Maus versteckt hat. Nur um zu schauen, wie wir reagieren.
Und es wird eine Gabe entwickeln, die überaus erstaunlich ist. Denn es wird uns zeigen, wie wir mit den Tieren sprechen und den Gesang der Vögel verstehen können, die so zahlreich im Sommer in den Klostermauern nisten. Es wird uns lehren, mit Liebe den Garten zu bestellen, sodass gesundes grosses Gemüse gedeiht. Und fast wie durch ein Wunder wird es Schreiben und Lesen lernen und uns bei den Abendgebeten seine eigens geschriebenen Texte rezitieren – trotz seiner geistigen Beeinträchtigung, als ‘Innocente’.
All das, weiss Signore Ricardo nicht.
Und in diesem Moment beschliesse ich, das Kind Maria Vicenza zu nennen. Denn es soll nie vergessen, wo in Italien es geboren wurde.
Sibylle Emilie Windisch, Mai 2026
Maria Vicenza hatte Trisomie 21, so nennen wir das heute. Zu dieser Zeit wurden solche Babys oft irgendwo ausgesetzt, teilweise im Wald ihrem Schicksal überlassen, oder es wurde nachgeholfen, dass solche Kleinkinder nicht weiterlebten.
